Ein idyllisches norddeutsches Dorf, eine kleine Straße. Die Sonne scheint auf die Reihenhäuschen. Davor sitzen die schwarz gekleideten Bewohner in ihren Vorgärten und machen den Teufelsgruß zu vorbeilaufenden Leuten. Das wäre wohl auffällig, wenn nicht 60000 ebenfalls schwarz bekleidete Leute durch die Straße pilgern würden. Einige ziehen Bierkästen hinter sich her, ab und zu liegt jemand schlafend auf der Wiese.
Das war mein erster Eindruck von meinem ersten Besuch auf dem Wacken 2007, den ich mit meiner Freundin unternommen habe. Der zweite Eindruck war dann weniger spaßig: fast 2 Stunde Tasche schleppen, vom Auswurfplatz unserer Mitfahrgelegenheit bis zum Bändchencontainer und wieder zurück zum Campingplatz. Es war Donnerstag und viele Partys wurden schon gefeiert, danach sah es zumindest aus. Und so wollten wir schnellstmöglich unser Zelt aufbauen um mitzufeiern.
Dieses stand auch schnell und da hieß es natürlich ab zum Festivalgelände. Von weitem haben wir schon Neaera gehört und leider verpasst. Obwohl die Wartezeiten am Festivaleingang beträchtlich kurz waren. Man hat gemerkt, dass es mittlerweile das 18. Wacken war. Die Organisation war gut, und so wurde auch mit dem wohl größten Problem souverän umgegangen – dem Schlamm. Die Tage vor dem Festival hatte es nämlich aus Eimern geschüttet und erst an dem Tag aufgehört, als wir kamen – verständlich! Trotzdem musste der Boden abgetragen werden, 5000 qm Vlies wurden kurzfristig vor den Bühnen verlegt, darauf 1.500 Tonnen Häckselgut verteilt und die Fläche mit 600 Rundballen Stroh abgedeckt. Ansonsten wäre es ein großes Schlammbad geworden. Die beträchtliche Arbeit hat die größte Zugmaschine Europas geleistet, ein 500 PS starker Traktor sowie 4 Bagger. Beim größten Metalfestival der Welt erwartet man natürlich auch geballte Kraft der Organisatoren.
Aber wir waren wegen der Musik da. Auf der PartyStage haben wir dann gleich eine Entdeckung gemacht: „Animal Alpha“ aus Finnland. Die Sängerin mit ihrem weiß geschminkten Gesicht und den blonden Haaren stellte sich kurzerhand im Text des ersten Liedes vor und machte ordentlich Stimmung. Wir stürzten uns also in die Musik. Es folgten „All that remains, „Hatesphere“ und „Overkill“. Dann ging es für uns erst einmal in den Backstage. Die Party in der Party sozusagen. Und dafür stand eigens ein roter Londoner Bus bereit, indem eine Cocktailbar Platz fand. Wer Lust auf ein Bad hatte, denn die Sonne schien schon recht kräftig, der konnte sich in eine große Holztonne voller Wasser werfen, ohne Whirl zwar, aber mit viel Pool. Und das nahmen auch einige in Anspruch.
Auf den Mainstages wurde es dann very true, denn die Headliner „Sodom“ und „Saxon“ regierten das Festival im Dunkeln. Vor einer riesigen Leuchtdiodenwand wirkten die kleinen Männchen fast verloren, ihre Musik stand dafür im Mittelpunkt.
Die Bildschirme und die wahnsinnige Technik waren wohl der Grund, warum 80 Stromaggregate den Verbrauch einer ganzen Kleinstadt erzeugt haben. „Maroon“ hat noch für uns auf der Tentstage ausgebrüllt, bis wir schließlich ins Zelt und in nächtliche Träume gefallen sind. Das fiel nicht einfach, denn die zahlreichen Helga- Spiderschwein- und Timmäää-Rufe hatten für die alkoholisierten und nichtalkoholierten Besucher noch nichts von ihrem Reiz verloren. Ohropax waren also unsere Kuscheltiere in den Nächten.
Auch auf dem Zeltplatz haben wir reichlich Glück mit den Festivalbetreibern gehabt. Hätten die nicht mit einem Helikopter vor Festivalbeginn die Flächen in 60cm Höhe trocken „gefönt“, wäre es ziemlich nass geworden.
Am zweiten Tag wurden wir um 6Uhr geweckt - mit französischer Rockmusik. Es gibt besseres, vor allem um die Uhrzeit. Nach dem Aufstehen haben wir uns über saubere stationäre Duschen und Klos gefreut, für die es auf vielen Festivals keine Garantie gibt.
Musikalisch losgelegt haben nach dem späten Frühstück gleich „Napalm Death“ und „Amorphis“, bei einem grandiosen Wetter, das uns die ganzen Tage erhalten blieb. Die Männer von „Grave Digger“ haben ihre weißen Haare im Takt geschwenkt und uns noch nichts von dem gruseligen Bild erahnen lassen, was uns gleich danach beschert wurde. Ich musste es betrachten, nicht weil ich wollte, sondern weil ich ja auch in fotografischer Mission unterwegs war. Und so ziert seit diesem Tag auch ein Foto des pompösen mit Pflastern beklebten Hinterns von Turbonegro-Sänger Hans Diyvik Husby die I Love Dirt-Gallerie. Als nächstes hat JBO ihre musikalischen Witze gerissen. Sie haben meines Erachten die meisten Zuschauer im Hellen angelockt. Wie gewohnt ging es auch mal unter die Gürtellinie von Stars in den Ansagen. Irgendjemand ist dann im Outfit des Todes zu „Ein guter Tag zum Sterben“ herumgehüpft und auch für Trachtenkleider waren sich die Männer um JBO nicht zu Schade.
Nun folgten die großen Größen: die Epen „Blind Guardian“, aus dem hohem Norden „Dimmu Borgir“ und schließlich „Iced Earth“. Die Atmosphäre unbeschreiblich, die Lichtshow passend zu den wunderschönen Klängen. So ging dann der Abend langsam zu Ende, die Nacht allerdings hat dann noch Samael und die Apokalyptischen Reiter bestimmt, doch viele waren wohl schon auf dem Campingplatz unterwegs. Zu denen zählen auch diejenigen, die 100 Euro ausgeben, nur um dort zelten zu können. „Welche Bands fandest du am besten?“ „Ach, ich hab noch keine gesehen!“ Und wegen solchen Typen wird man dann am nächsten Tag wieder zu unmöglichsten Zeiten geweckt. Nur weil die Nachbarn ausgeschlafen sind, heißt es noch nicht, dass sie pünktlich um 8 Uhr Techno spielen dürfen! Techno auf einem Metalfestival! Und nebenan dröhnte aus den selbstgebastelten Boxen HipHop! HipHop auf einem Metalfestival! So tief steckten meine Ohropax noch nie in den Ohren.
Der Sonnabend begann also eher müde und verstimmt. Da half nur eine morgendliche Wäsche mit eiskaltem Wasser und ein ausgedehntes Frühstück. So lang konnten wir aber nicht trödeln, pünktlich um 12 Uhr ging es mit „Sonic Syndicate“ weiter, die Newcomer aus Schweden. Und von denen konnten wir sogar Karin und Robin für ein kleines Interview gewinnen. Der Altersdurchschnitt der Band liegt bei ungefähr 20 Jahren, und so war es ein nettes Treffen, denn die noch Allürenfreien Musiker haben gern Auskunft über ihre Band gegeben. Auch ihr Auftritt konnte sich sehen lassen, diese Jungs und das Mädel werden sicher zukünftig noch oft zu sehen sein. Danach haben die deutschen „Heaven Shall Burn“ und „Stratovarius“ die Alkoholleichen zu Zombies erwecken lassen. So sah auch der Mann im Schottenrock aus, der am Abend während „Type O Negative“ mitten zwischen den Leuten gegrunzt hat, die Beine angewinkelt und, ja, nichts drunter… Ich frag mich nur, wozu die vorbeikommenden Leute einen Pümpel (dieses Abflussgummiding) hatten, bevor sie sich damit an dem Schlafenden zu schaffen machten.
Auch Sänger Peter Steele von „Type O Negative“ war ziemlich angetrunken, was lustig war aber zum Glück die Musik nicht beeinflusst hat. Ihre Show war auf jeden Fall gelungen.
Erwähnenswert ist auch der japanische „Dir en Grey“-Sänger Kyo, der sich vor leidendem Mitgefühl zur Musik die Brust zerkratzt hat, bis das Blut lief. Ob nun Show oder wahre Gefühle, das war nicht jedermanns Sache. Gut, dass es danach recht zart zuging. Die Geigenspielerinnen, mit denen „Rage“ zusammen aufgetreten ist, haben zum Glück auf der Bühne nebenan gespielt, wo noch kein Blut geflossen ist. Der Höhepunkt des Abends waren aber wohl „In Flames“, bei denen die Flammen in Form eines Feuerwerks hoch in den Himmel schlugen und die viel Action auch in ihrer Musik gaben.
Das Wacken 2007 hat dann Subway to Sally beendet, die um 2 noch einmal alles gegeben haben. Eine Menge Party gab es dann noch, für uns beide nicht ganz so viel, denn wir mussten ja am nächsten Tag zurück und so ne Autofahrt von 600km kann man nüchtern echt besser verkraften.
Der Sonntag sah dann echt interessant aus, eine kostenlose Freakshow war das, wenn man den Leuten ins Gesicht geschaut hat. Aber ich muss trotzdem sagen, dass die Metaller wieder einmal zu den umgänglichen Leuten gehören auf Festival. Manche sind vielleicht ein wenig faul, deshalb gab es brennende Zelte. Und die paar umgekippten Dixieklos unter 1000 insgesamt fallen da auch kaum auf. Die meisten waren einfach sehr kollegial, hilfsbereit und höflich zueinander. Eine große Party, die sich für alle, für uns und natürlich auch meine Kamera gelohnt hat. Und so haben wir die letzten Spinnen aus dem leeren Zelt geklopft, um uns mit den einigermaßen an Alkohol erleichterten Taschen wieder zurück zur Mitfahrgelegenheit zu schleppen, ein wenig Luxus musste jetzt einfach sein.
Aber auch die Fahrt war noch interessant. Denn bei einem Zwischenstopp in Hamburg, um Freunde zu treffen, haben wir ein Straßenfest besucht und uns gewundert, warum ich und ein guter Freund ständig von den männlichen Besuchern so interessiert angeschaut wurden. Bis wir dann entdeckt haben, dass die bunte Kleidung mancher nicht von ungefähr kam – wir befanden uns auf dem Christopher Street Day. Nach einigen Flirtversuchen (nicht unsererseits) wurde die endgültige Rückfahrt ins Abendrot angetreten. Aber was heißt „endgültig“? Wacken 2008 ruft schon…